SUCHE   
  
2012
14
Feb

Gastartikel von Helga Trölenberg-Buchholz, E-Commerce- und Versandhandels-Expertin und Gründerin der Branchen-Projektbörse Vimen.

Ein Blick in die IT-Abteilungen zeigt es deutlich: Auch das IT-Personal kommt in die Jahre. Generationswechsel stehen an, nicht nur bei Softwarelösungen, sondern auch bei Mitarbeitern. Wer kein Internet-Start-up vor sich hat, erlebt Mit-Fünfziger und Ältere als IT-Leiter und wenig jüngere Mitarbeiter.

Die Veränderung der Altersstruktur macht auch vor den IT-Abteilungen bei Versandund Online-Händlern nicht Halt. Lag im Jahr 2000 die Erwerbsquote der 54 – 65 Jährigen bei nur 37 %, sind es 2009 schon 56 %, und der Anteil wird weiter steigen. Nach einer Rente mit 65 oder 67 Jahren werden immer mehr Ältere in die Selbständigkeit einsteigen.

Sorge um die Innovationskraft

Oft kommen mit den Mitarbeitern auch die Softwaresysteme in die Jahre, die von diesen Mitarbeitern betreut, weiterentwickelt und gewartet werden. Nun ist die IT wie kaum ein anderer Bereich starken technologischen Änderungen unterworfen. Das berechtigt zur Sorge: Kann meine IT-Abteilung mithalten? Wie nutze ich das Potential meiner älteren Mitarbeiter, die mit viel Engagement z.T. jahrzehntelang die IT verantwortet haben? Wie schaffe ich es dennoch, für Innovation zu sorgen, ein innovatives Klima in der IT zu schaffen, dass den wachsenden Ansprüchen des Marktes Rechnung trägt?

Gehen erfahrene Mitarbeiter, verliert das Unternehmen allzu oft wertvolles Wissen über die eigene IT und die Prozesse im Unternehmen. Verzichtet man zu Gunsten dieser Erfahrung womöglich auf den Einsatz moderner IT-Lösungen und -Technologien oder vertagt diesen, fehlt es dem Unternehmen an Innovationskraft. Und das strahlt bis in die Fachabteilungen hinein. Wie oft bleiben schnelle Vorhaben und neue Marketingansätze stecken in den Argumenten wie: Das kann unsere Software nicht, dafür haben wir keine IT-Ressourcen.

Sind ältere IT-Mitarbeiter wie auch ältere Softwaresysteme die Bremsen im unternehmerischen Tun des Versand- und Onlinehändlers? Die neuere Forschung in der Neurologie zeigt, dass das Gehirn lebenslange „Plastizität“ aufweist. Das bedeutet, Lernen ist lebenslang möglich, und zwar für jeden.
Diese Erkenntnis führt gerade zu einem neuen Verständnis von Bildung und Lernen. Man rechnet mit neuen Lernprogrammen, Berufsbildern, Ausbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten, auch und gerade in der IT.

Auf dem Arbeitsmarkt kann man eine weitere Entwicklung beobachten: Die Zunahme von Freiberuflern in allen Bereichen, eine Erwerbsform, die in der IT schon immer verbreitet war. Der Anteil an Freiberuflern, an projektbezogene Zusammenarbeiten wird weiter stark wachsen, oder anders ausgedrückt: Der Anteil an klassisch abhängig Beschäftigten nimmt weiter ab. Zwischen 1998 und 2008 hat sich dieser Anteil von knapp 73 % auf 66 % reduziert. Man kann davon ausgehen, dass zukünftig Arbeitsverhältnisse zeitlich befristet und projektbezogen sein werden. Wer heute noch abhängig beschäftigt ist, wird morgen selbständig oder freiberuflich von Projekt zu Projekt ziehen.

Diese Entwicklung führt zu neuen Formen der Berufstätigkeit: Ältere Firmengründer über 65 Jahre, junge Projektarbeiter, oder Job-Nomaden – und damit sind nicht Mitarbeiter internationaler Beratungsunternehmen gemeint – die regional von einer Aufgabe zur anderen wechseln. Netzwerke und Internet versetzen sie in die Lage, sich als Einzelselbständige perfekt zu organisieren. Und ihre Marktchancen sind groß, die Aufgaben vielfältig und reichhaltig vorhanden.

Gerade in der IT finden sich viele Einzelselbständige, die vielfältige Aufgaben erledigen. Die technologischen Entwicklungen wie Virtualisierung, Cloud Computing, neue und flexible Endgeräte und nicht zuletzt die Verbreitung schneller Internetverbindungen und Entwicklung neuer Sicherheitstechnologien unterstützen diesen Trend. Für IT-Mitarbeiter wird die Arbeit mehr und mehr ortsunabhängig, aufgabenabhängig und individuell.

Fest und frei in Partnerschaft

Hier bietet sich für Versand- und Onlinehändler die Chance, das Wissen ihrer altgedienten und oft älteren Mitarbeiter mit Innovation zu paaren. Wie wäre es, die eigene ITAbteilung mit freiberuflich tätigen IT-Experten zu bereichern? Und zwar projekt- und aufgabenbezogen. Dafür ist eine gewisse Offenheit notwendig, eine Bereitschaft, Inselwissen aufzugeben und sich mit neuen Technologien oder wertvoller Lebenserfahrung zu befassen. Doch gelingt es dem Unternehmer, eine Kultur und Atmosphäre der Offenheit herzustellen, kann das Zusammentreffen von tiefem Prozesswissen und Kenntnisse in der Nutzung moderner Technologien zu einem fruchtbaren Klima der Innovation führen.

Innovation entsteht immer dann, wenn verschiedene, bereits existierende Möglichkeiten kreativ kombiniert werden und dies zu einer neuen Problemlösung führt.

Eine andere, auch ergänzende Möglichkeit ist es, Prozesswissen in den Unternehmen anderen Versand- und Onlinehändlern zur Verfügung zu stellen. Sicherlich ein unkonventioneller Vorschlag, der auf den ersten Blick unmöglich erscheint. Wie kann dies geschehen?

Häufig beginnt es mit dem Erfahrungsaustausch zwischen befreundeten Unternehmen. Wie wäre es, das Thema IT dabei stärker zu berücksichtigen? Nicht nur auf Managementebene, sondern und gerade bei operativen oder IT-strategischen Fragestellungen.

Mitarbeiter „fremdgehen“ lassen

Einen Schritt weiter geht der Vorschlag, die eigenen Fachleute und wissenden Mitarbeiter des Unternehmens projektweise in anderen Unternehmen arbeiten zu lassen. Die entstehenden Lücken lassen sich mit Freiberuflern oder Branchenexperten ebenfalls projektbezogen füllen. Diese Arbeitsweise erfordert auf allen Seiten Offenheit und eine projektbezogene Arbeitsorganisation. Und sie wird unterstützt durch moderne Technologien wie Cloud Computing, Virtualisierung und Software-Applikationen, die über Internet oder VPN erreichbar sind.

Weit verbreitet ist die Ansicht, dass langjährige Betriebszugehörigkeiten für Kontinuität sprechen, und bei vielen Arbeitsplatzwechseln mit kurzer Betriebszugehörigkeit mit dem Mitarbeiter etwas nicht stimmt. Doch bergen so genannte diskontinuierliche Arbeitsbiografien, wie sie bei projektbezogener Arbeit entstehen, ungeahnte Potentiale:

- Erweiteter Kompetenzerwerb, fachlich und über die eigene Fachlichkeit hinaus
- Beschleunigung von Lernprozessen
- Kompetenz im Umgang mit Krisen
- Zusammenführen verschiedener Kompetenzen, die in unterschiedlichen Phasen der Berufstätigkeit erworben wurden

Nicht zuletzt wird beim Mitarbeiter Innovation ausgelöst, dadurch dass vorhandene Kompetenzen und Expertenwissen, das in der Vergangenheit erworben wurde, neu kombiniert werden für aktuelle Problemlösungen. Es gehört Mut dazu, aus dem eigenen Unternehmen hinaus zu gehen und sein Prozesswissen anderen Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Und es gehört ebenfalls Mut dazu, die traditionelle IT-Abteilung mit jungen, technologisch modern denkenden Freiberuflern zu ergänzen. Doch würde eine Lücke geschlossen werden. Prozesswissen und Wissen um Optimierung im Versandhandel und Onlinehandel ist echte Mangelware – und moderne IT-Technologie, prozessorientiert angewendet, könnte es mit der Schnelligkeit der Fachabteilungen endlich mithalten.

Hier lesen Sie alle Gastartikel von Helga Trölenberg-Buchholz.

  • del.icio.us
  • Digg
  • email
  • Facebook
  • FriendFeed
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MisterWong
  • Netvibes
  • Netvouz
  • Twitter
  • Yigg

Einen Kommentar schreiben

Kommentar


eon Karriere Banner