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2011
19
Sep

Was müssen Paare beachten, wenn beide Karriere wollen – und auch Kinder? Im Job wird heute eine hohe Flexibilität und Mobilität erwartet. Konflikte sind da vorprogrammiert, etwa wenn ein Partner einen Ortswechsel anstrebt und der andere wegen einer besonderen beruflichen Spezialisierung ortsgebunden ist.

Hier ein Interview mit Dr. Elisabeth Bröschen von Paarundprofession. Sie ist Expertin im Netzwerk der www.karriereexperten.com

Mit welchen Schwierigkeiten haben die Paare zu kämpfen, die sich bei Ihnen beraten lassen?
Ein Beispiel: ein junges Paar um die 30 Jahre kommt mit seiner Fernbeziehung nicht mehr klar: er ist Trainee in München, sie in einem anspruchsvollen Job in Hamburg. Das gemeinsame Abendessen findet via Skype vor der Webcam statt: Er soll demnächst eine mehrmonatige berufliche Ausbildungsstation in Asien absolvieren, sie denkt langsam an Kinder, eine gemeinsame Lebensbasis ist nicht in Sicht.

Zweites Beispiel:  Ein Paar Mitte 40 mit einem achtjährigen Sohn, beide sind mit einem eigenem Unternehmen selbständig, beide arbeiten sehr viel. Verhaltensauffälligkeiten des Sohnes wie auch eine Beziehungskrise, in der sie meine Hilfe suchen, lässt beide verstehen, dass sie nach einer neuen Balance zwischen Familie und Beruf suchen müssen, wenn sie wieder zueinander finden wollen.

Ein drittes Beispiel:  Ein Paar Ende 30, er ist freiberuflich in der Werbebranche tätig. Sie möchte nach der Elternzeit mit dem zweiten Kind zurück in ihren alten Job in die Marketingabteilung  eines großen Unternehmens. Für beide bieten sich neue berufliche Chancen, für jeden in einer je anderen Stadt. Beide wollen eigentlich in Hamburg bleiben, auch weil sie hier auf ein gutes Betreuungsnetz für die beiden Kinder zurückgreifen können.
In all diesen und vielen anderen Fällen sind Konflikte zwischen der beruflichen und familiären Situation Ausgangspunkt des Coachingprozesses.

Inwiefern kann ein Paarcoaching helfen, dass Karriere-orientierte Paare eine Beziehungsbalance finden?
Wie ein Paar die Themen Karriere und Familie miteinander verhandelt, ist zum einen gesellschaftlich bedingt. Gesellschaftliche Rollenanforderungen prägen auch die individuellen Einstellungen. Zugleich verhandeln Paare diese Themen  aber auch auf einem individuell-biografischen Hintergrund:  da spielt z.B. eine enorme Rolle, wie die Eltern mit diesen Themen umgegangen sind, wie Konflikte gelöst wurden und welches Rollenvorbild  ich verinnerlicht habe.

Paarcoaching hilft dabei, sich der unterschiedlichen Faktoren, die die individuelle Paarsituation bestimmen, und ihrer Bedeutung bewusster zu werden. Paarcoaching kann deshalb dazu führen, Veränderungen in der äußeren Situation zu initiieren, z.B. eine Bewerbung oder die Einstellung einer Haushaltshilfe. Es kann aber auch vorrangig darum gehen, die Zeit der familiären und beruflichen Situation angemessener zu strukturieren.
Schließlich kann das Paar bei einem Coaching auch unterstützt werden, konstruktiver zu kommunizieren oder Konflikte fairer auszutragen.  Oder die Partner entdecken beim Paarcoaching, dass  unbewusste Identifikationen  mit Rollenmustern aus der Herkunftsfamilie berufliche wie auch familiäre Entscheidungen und Schritte blockieren.

Nur, was mir bewusst ist, kann ich auch steuern. Stellen Sie sich die Beziehung als ein beliebiges Gefährt vor, mit dem beide unterwegs sind, ein „Paarmobil“: kein Mensch käme auf die Idee, dass ein reales Gefährt wie ein Auto oder ein Boot ohne Inspektion und Wartung, ohne die Klarheit, in welche Richtung man fahren will  oder ob der Motor einwandfrei läuft, ohne die Klarheit, wer wann steuert, wer mitfährt, wieviel Gepäck man an Bord nimmt usw., ruhig und sicher fährt. Paarcoaching können Sie heute so verstehen: als Wartung, Inspektion, notfalls auch Reparatur eines „Paarmobils“  oder auch einer „Familienkutsche“. Als Coach begleite, strukturiere und unterstütze ich einen  Austausch-  und Entscheidungsprozess unter den Partnern, der faire und nachhaltige Lösungen für alle Beteiligten ermöglicht.

Sind die Ehen von Karrierepaaren trennungsgefährdeter als Ehen von traditionellem Zuschnitt, wo also die Frau ihr berufliches Fortkommen zurückstellt zugunsten von Kindern?
Die Herausforderungen von berufstätigen Paaren sind  einfach anders und es kommt  darauf an, welche individuellen, betrieblichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten zur Verfügung stehen, wie z.B. auch ein „Paarcoaching“.  Das Leben als Paar hat mit seinen unterschiedlichen Phasen des Sich-Bindens, der Familiengründung und dann des Flüggewerdens der Kinder und des Alterns zu allen Zeiten Paare zu Entwicklung herausgefordert. Entscheidend ist: für die heutigen Herausforderungen gibt es wenig Rollenvorbilder. Die Lebenskonzepte sind heute sehr individuell. Das ist gleichzeitig eine Riesen-Chance und eine Riesen-Herausforderung. Paarcoaching ist ein sinnvolles Angebot für Paare, die diese Chance klug nutzen wollen.

Die eigenen wie auch die gesellschaftlichen Erwartungen an unsere männliche bzw. weibliche Rolle in Familie und Beruf haben sich in den letzten 30 bis 40 Jahren tiefgreifend gewandelt. Jedes Paar muss sich, ganz besonders, wenn Kinder ins Spiel kommen, damit auseinandersetzen, welche Visionen beide für ihre familiäre Situation und ihre berufliche Entwicklung haben und wie sie diese umsetzen können.

Welche Möglichkeiten gibt es für Paare  mit Doppelkarriere, ihren Kindern ein fürsorgliches Zuhause zu bieten?
Die Frage beinhaltet  bereits eine wichtige Feststellung: Kinder brauchen ein fürsorgliches Zuhause, das zugleich Selbständigkeit und Entwicklung fördert. Das sollten Partner, die beide Karriere machen oder machen wollen, im Blick haben. Kinder brauchen Sicherheit und Bindung und nachhaltiges Interesse an ihrer persönlichen Entwicklung, die sich auch über verlässliche Anwesenheit vermittelt. Das gilt nicht nur für kleine, sondern auch noch für pubertierende Kinder, die sich schließlich nur an jemanden reiben können, der da ist. Das braucht sorgfältige Absprachen, die Einbeziehung verlässlicher Dritter, ein gutes Unterstützungsnetzwerk. Das braucht auch  unter den Partnern die Fähigkeit, mit klarem Blick einzuschätzen, für wen gerade was am wichtigsten ist und wem im Moment ein Kompromiss am ehesten zuzumuten ist. Ich muss bestimmt nicht bei jedem Flötenvorspiel meines Kindes dabei sein, aber ich muss mitbekommen, wann es besonders wichtig ist und es dann auch tun. Mal kann ich vielleicht mein Kind per Handy ins Bett dirigieren, aber nicht dreimal pro Woche.

Um diese Herausforderungen zu bewältigen braucht es immer wieder auch die Fähigkeit zu dem, was ich „heiteren Verzicht“ nenne. In Zeiten, in denen wir gewöhnt sind, alles, möglichst schnell und möglichst sofort zu bekommen, ist Verzicht  nicht gerade populär. Wichtig ist, dass Verzicht, wo er nötig ist, nicht einseitig nur von einem Partner erbracht wird und dass ein Paar gute Deals miteinander findet. Doppelkarrieren müssen – und dafür gibt es gute Beispiele – auch nicht immer genau beiden Partnern gleichzeitig denselben Einsatz abfordern. Das kann auch oft phasenweise abwechselnd geschehen. Diese Perspektive schafft Spielraum, Kinder gut im Blick zu behalten.

Karriereexperten.com

Svenja Hofert & Uta Nommensen
Mail  info@karriereexperten.com        Website   www.karriereexperten.com/ 

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